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Kinetik für Bühnen- und Showproduktionen: hoch und runter mit System

16.8.2017

Der StageReport wollte wissen, wie sich kinetisches Equipment und seine Einsatzmöglichkeiten durchgesetzt haben und welche Erwartungen an die Weiterentwicklung bestehen. Dafür haben wir Insider aus dem Bereich der Anwender und Hersteller gefragt: Wie bewerten Sie den Einsatz kinetischer Systeme für Bühnen- und Showproduktionen: Nimmt die Bedeutung eher ab, zu oder wird sie gleich bleiben? Welche technischen Entwicklungen würden Sie sich in diesem Bereich noch wünschen  und haben diese Frage sowohl auf das Equipment und seine Einsatzmöglichkeiten als auch auf die Steuerung und die Sicherheit im Einsatz bezogen. Nachfolgend die Antworten.

 

Nico Ubenauf, satis&fy: „Kinetische System werden für Bühnen- und Showproduktionen immer eine wichtige Rolle spielen. Gerade in der Kinetik sind viele ‚special effects‘ mittlerweile absoluter Standard. Aktuell werden szenische Veränderungen oft durch große LED-Videoflächen unterstützt. Diese möchte man in der Regel auch bewegen, verfahren oder wie Kulissen flexibel einsetzen. Das ist ein spannendes Feld, da man hierbei immer wieder auf die physikalischen und die durch Vorschriften vorgegebene Grenzen stößt. Dieses permanente Forschen, Tüfteln und Konstruieren an Sonderlösungen motiviert uns jeden Tag, weiterhin das Unmögliche möglich zu machen. 

Wir wünschen uns technische Systeme, die modular und möglichst flexibel sind, dabei alle physikalischen und durch Vorschriften vorgegebene Grenzen ausreizen. Besonders smart wäre es, wenn diese komplexen Systeme in der Bedienung userfreundlich und überschaubar gehalten sind. Dabei sollte es ähnlich wie in der Pyro- oder der Lasertechnik klare Vorgaben geben, wer diese System bedienen sollte beziehungsweise welche Ausbildungsnachweise dazu notwendig sind. Zwar sind die Bewegungen ‚hoch und runter, links und rechts‘ mittlerweile schon als Standard anzusehen, wir wünschen uns jedoch mehr dreidimensionale Kinetik, die dabei auch

noch bezahlbar ist.“

 

Georg Rössler, Matrixmanagement: „Moderne Shows und Produktpräsentationen haben in den vergangenen Jahren immer wieder neue und raffiniertere kinetische Systeme auf der Bühne eingesetzt, dies wird auch in Zukunft sicher so bleiben – allerdings sehen wir die Bewegung von Screens, Bühnenobjekten und verfahrbaren Elementen als einen gesund wachsenden Markt im Vergleich zu anderen Segmenten der Branche. Wir planen und beraten für unsere Kunden gerne in diese Richtung und unterstützen hier auch bei der Ausführungsplanung durch unsere eigene 3D CAD Konstruktion. Nicht nur im temporären Bereich haben wir hier kleine und große Lösungen realisiert, auch im Bereich der Festinstallation sind gute, herausfordernde und hochkarätige Projekte umgesetzt worden. Der Einsatz und die Bedeutung von kinetisch bewegten Elementen wird sicher in den kommenden Jahren im temporären wie auch im Festinstallationsbereich stetig und hoffentlich gesund wachsen.

 Die heute zur Verfügung stehenden Systeme bieten eine Vielzahl von Einsatz und Steuerungsmöglichkeiten – meistens immer mit der neuesten Computertechnologie – allerdings ist der mechanische Aufbau und die Verwendung von Werkstoffen über die Jahre fast stehen geblieben. Hier stellt der globale Markt vieles an Rohmaterialien bereit, die auch gute Verwendung bei kinetischen Systemen finden könnten – aber Alu, Stahl und Gummi sind nach wie vor überall verbaut. Wobei es gute und bessere Alternativen gibt – nicht nur beim Gewicht, sondern auch in Verarbeitung und Kosten.“

 

Marcus Leyendecker, Lleyendecker: „Vor circa vier Jahren haben wir angefangen, in großem Umfang in Kinetik zu investieren. Wir starteten mit 24 Sil 3 Kettenzüge und zwei Steuerungen. Wir wollten unseren Kunden damit die Möglichkeit geben, von uns alles aus einer Hand zu bekommen. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir sehr schnell in sehr viel mehr Geräte investieren müssen.

Die Nachfrage nach kinetischen Lösungen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wir beobachten schon länger, dass bei immer mehr Veranstaltungen Kinetik zum Einsatz kommt.

Leider stellen wir auch fest, dass oftmals die Möglichkeiten, die durch szenische Bewegungen möglich wären, nicht wirklich genutzt werden – über einfache Bewegungen wird oftmals gar nicht hinausgegangen und es gibt keine wirkliche Choreographie.

Wir haben mittlerweile knapp 100 Antriebe und acht Steuerungen sowie diverses Sondermaterial, um zum Beispiel externe Trigger verarbeiten oder Medienserver bedienen zu können. Trotzdem haben wir oft Engpässe, wenn es darum geht, sämtliche Kundenanfragen zu bedienen. Allein jetzt auf der IAA gibt es sehr viele Stände, die kinetischen Anwendungen einsetzen. Wir selbst haben beispielweise bei BMW 24 Winden und diverse Bandzüge – alle nach DGUV-V17/SIL 3 – installiert. Unserer Meinung nach wird die Bedeutung von Kinetik weiter wachsen und wir freuen uns auf die Realisation von weiteren spannenden Projekten.

Im Bereich der kleineren kinetischen Anwendungen fehlen unserer Meinung nach noch sinnvolle Systeme. Kleine Objekte wie Leuchtkugeln oder Dekoelemente mit extrem kleinen Antrieben können derzeit nur schwerlich und ohne Einzelzulassungen betrieben werden. Ansonsten gibt es eine breite Palette an Equipment von diversen Herstellern zu kaufen.

Für spezielle Lösungen wird man allerdings immer wieder in dem Bereich der Sonderkonstruktion landen. Diese wird dann genau für den Kunden und seine Aufgabenstellung angefertigt. Da gibt es dann kein Equipment von der Stange.

Die im Einsatz erreichte Sicherheit hängt leider in vielen Fällen noch von der Risikobereitschaft der ausführenden Personen ab. Hier würden wir uns einen breiteren Schulterschluss innerhalb der Branche wünschen und uns über ein erhöhtes Gefährdungsbewusstsein der Auftraggeber freuen. So können dann sinnvolle Lösungen gefunden werden, mit denen man Kunden und Besucher begeistern kann und doch nicht in Graubereichen arbeiten muss.

Was ich mir persönlich wünsche: Dass Aufträge früher vergeben werden und wir genügend Zeit haben, die oft komplexen kinetischen Anwendungen zu planen und zu konstruieren. Das bedeute am Ende auch mehr Sicherheit für alle Beteiligten. Leider werden viele Aufträge oft viel zu spät vergeben.

Wir freuen uns auf technische Weiterentwicklungen im Bereich Kinetik und hoffen, dass es zeitnah zuverlässige Lösungen für szenische Bewegungen jeder Größe gibt, die sowohl Kundenvisionen Wirklichkeit werden lassen als auch die Ansprüche an Sicherheit und Qualität in vollem Umfang erfüllen.“

 

Manfred Porschnitzer, Stageco Deutschland: „Aus meiner Sicht wird der Einsatz auch bei den von uns unterstützten Bühnen- und Showproduktionen vermehrt stattfinden. Was in Theaterhäusern größtenteils schon lange üblich ist und den Besucher immer wieder in Erstaunen versetzt, findet auch bei den modernen Produktionen auf mobilen Bühnen vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Bei temporären Strukturen ist Kinetik manchmal nur mit technischen Restriktionen umsetzbar, aber sowohl Showplaner – also Licht- und Setdesigner – als auch Hersteller von Kinetik und ausführende Bühnenbaufirmen werden in Zukunft noch vielfältige Möglichkeiten ausschöpfen können.

Die technische Entwicklung aller Komponenten wird mit jeder neuen Herausforderung vorangetrieben. Dieser Prozess läuft bereits sehr gut. Auch die Einsatzmöglichkeiten im mobilen Bühnenbau werden jedes Mal aufs Neue ausgelotet. Wir als Hersteller und Betreiber von temporären Strukturen sind gefordert, dem Einsatz von kinetischen Systemen Möglichkeiten zur Umsetzung anzubieten oder Kinetik auch selbst zu entwickeln und herzustellen. Die Sicherheit dieser Systeme muss dabei im Vordergrund stehen, vor aller beeindruckenden Wirkung auf den Betrachter.“

 

Alexander Hartung, ChainMaster: „Hierbei muss man die Unterschiede zwischen Festinstallationen und Showprodutionen betrachten. In Festinstallationen wie Theatern oder Mehrzweckhallen werden immer öfter kinetische Systeme ausgeschrieben und realisiert. Bei Showproduktionen gibt es auch eine hohe Nachfrage, wobei es nur eine begrenzte Anzahl an Unternehmen mit ausreichendem Investitionsvolumen und Personal mit dem entsprechenden technischen Know-how gibt, die diese Anforderungen realisieren können.

Die Frage nach den Wünschen im Bereich technischer Weiterentwicklungen richtet sich eigentlich mehr an die Anwender als an uns als Hersteller. Das Angebot an verschiedenen Antrieben für szenische Anwendungen ist ausreichend und deckt unseres Erachtens alle derzeitigen Anforderungen ab. Bei den Steuerungen kommt es häufiger zu Nachfragen nach speziellen Softwarefunktionen.“

 

Andrew Abele, Movecat: „Die Bedeutung kinetischer Anwendungen nimmt eher zu, vor allem im Bereich der integrierten Lösungen und Interaktion. Der Einsatz dwandelt sich dabei immer mehr vom reinen Einzeleffekt hin zur komplexen Integration der Gewerke, dem Spiel mit Raum und Content. Dynamische Szenenbilder und Verwandlungen schaffen in Verbindung mit moderner Licht- und Bildtechnik einzigartige dreidimensionale Räume.

Wir sehen auch einen wachsenden Trend der Interaktion der Gewerke und Darsteller, die im Wechselspiel mit der Kinetik agieren, wobei hier Aktion und Reaktion in beide Richtungen ausgelöst werden können.

Insgesamt gibt es einen Wandel von der Technik als Mittel zum Zweck zum szenischen Gestaltungsmittel und einer daraus entstehender Designkomponente. Zunehmend nimmt die Kinetik eine zentrale Rolle im Spannungsbogen der Showproduktion ein und wird nicht selten zum echten ‚Highlight’ der Inszenierung!

Wir als Hersteller sind im engen Dialog mit den Anwendern und reflektieren deren Wünsche und Anforderungen. Daher erweitern wir ständig unser Portfolio, wie zuletzt um roadtaugliche Hochgeschwindigkeitswinden und Bandzüge. Bei konkreten Anfragen reagieren wir schnell und sind durch unsere hauseigene Konstruktions-, Hardware- und Softwareentwicklung in der Lage, auf spezielle Anforderungen zu reagieren und diese umzusetzen.

Im Markt und bei den Designern beziehungsweise Anwendern besteht ein großes Interesse an der Integration weiterer Antriebsformen und Anwendungen in unser Gesamtsystem, damit möglichst alle Kinetikanforderungen über ein zentrales Steuersystem kontrolliert werden können.

Auch für kleine Kinetikelemente mit geringer Traglast, hohen Geschwindigkeiten, die in größeren Systemverbänden eingesetzt werden und der DGUV V17/BGV C1 entsprechen sowie geprüft sind, sehen wir Interesse.

Aktuell stehen daher weitere Wünsche unserer Anwender auf der Agenda unserer Entwickler. Man darf gespannt sein. Ideen gibt es genug. Beispielsweise fehlt noch ein 3D-Flugwerk mit Zulassung für den Personenflug über Menschen in Deutschland. Leider gibt es hierzu wohl zu wenige Anwendungen, die eine eigenständige Entwicklung und die sehr kostenintensive Zertifizierung ermöglichen.

Bei Show- und Bühnenproduktionen überwiegt immer noch die vertikal eBewegung der ‚Obermaschinerie’ in der Kinetik. Ich wünsche mir die freie Kombination unterschiedlicher vertikaler und horizontaler Bewegungen mit Drehungen et cetera bis hin zu 2D- und 3D-Lösungen, bei denen sich auch mehrere Objekte quasi frei im Raum bewegen und positionieren lassen. Und dies natürlich bei maximaler Sicherheit mit volldynamischer Kollisionskontrolle.

Antriebs- und steuerseitig ist hier  schon einiges möglich. Es bedarf aber gezielter Konzeption, Auswahl und Zeit für eine gute Umsetzung.

Unsere aktuellen Movecat Steuerungen und Gesamtsysteme erfüllen die aktuellen Richtlinien DGUV V17/18 sowie SIL3 und sind dazu flexibel und modular einsetzbar. Wir arbeiten an einer weiteren Vereinfachung der Systemkomponenten inklusive einer bidirektionalen Kommunikation, bei der sich von der Maschine bis hin zur Steuerung alle Systemteilnehmer teils automatisiert im Verbund integrieren lassen. Das vereinfacht die immer größer und komplexer werdenden Systemanwendungen. Auch im Bereich der Software sehen wir noch Potenzial bei der räumlichen Darstellung und der show- sowie objektoptimierten Programmierung.

Im Bereich Sicherheit ist mehr und mehr der sach- und fachkundige Anwender gefragt, der aufgrund seiner fundierten Qualifikation in der Lage ist, die Anforderungen des Endkunden zu erkennen und unter Beachtung und Einhaltung der geltenden Richtlinien und Normen eine Gefahren- und Systemanalyse zu erstellen. Ziel dabei sind Kinetiklösungen mit dem höchstmöglichen Maß an funktionaler Sicherheit für die Anwendung und den Bediener. Und natürlich die passende, für die Anwendung zugelassene beziehungsweise zertifizierte Hardware auszuwählen und einzusetzen. Nur wer schon im Vorfeld im engen Dialog mit Spezialisten und dem Kunden die Erwartungshaltung mit dem technisch Möglichen und der notwendigen Systemsicherheit abgleicht und kommuniziert, kann hier ein funktionales Konzept für alle Beteiligten realisieren.

Mit unserer Movecat Academy und einem gestaffelten Kursprogramm unterstützten wir unsere Kunden und schaffen auf Anwenderseite Vertrauen in die zuverlässige Leistungsfähigkeit unserer Systeme.“

 

Michael Brombacher, Megaforce: „Aus meiner Sicht nimmt die Bedeutung eher zu. Alle Shows suchen natürlich immer weiter nach neuen Ideen und Möglichkeiten, den Künstler noch besser oder attraktiver in Szene zu setzen. Dafür sind kinetische Elemente bestens geeignet. Unser jüngstes Beispiel war die David Garrett Tour mit einer Drehscheibe und einem Hubtisch. Da es hier um eine 360° Show ging, waren die kinetischen Elemente sogar fast unverzichtbar. 

Sofern wir kinetische Elemente von Fremdherstellern einsetzen, würden wir uns wünschen, dass diese mehr auf ihre Gehäusedimensionierung achten beziehungsweise besser in Standard-Gerüstkonstruktionen zu integrieren sind. Außerdem sollten die Hersteller für mehr und flexiblere mechanische Anschlussmöglichkeiten sorgen. Denn unsere Aufgabe als Bühnenlieferant besteht ja darin, diese Elemente bestenfalls tourtauglich in unsere Standardbühnen zu integrieren. Grundsätzlich ist die Geräuschentwicklung und die Qualität der Entstörung immer ein Thema, welches Verbesserungspotential hat.“

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